Das Gefühl von Musik

Ich kann mich gar nicht genau erinnern, wie das als kleines Kind war. Also ob ich Kinderlieder besonders gemocht habe. Ich glaube aber eher nicht.

Aber ab einem Alter von etwa 9 Jahren drangen die ersten Lieder aus der Erwachsenenwelt bewusst zu mir, die sehr starke Gefühle in mir auslösten und mich jeweils länger begleiteten. Das heißt, ich hatte sie ständig als Ohrwurm bei mir. Mein Gefühlslevel ist normalerweise eher eintönig zu nennen. Also außer den starken Gefühlen von Angst und Verunsicherung gab es in meiner Kindheit noch die Gefühle der Begeisterung, wenn ein Thema auftauchte, welches ich heute als Spezialinteresse bezeichnen würde. Musik ist sicher auch eines davon. Aber abseits davon fühl(t)e ich eigentlich nichts. 

Die Musik änderte das schlagartig. Sobald ich Musik höre, die ich mag, mag ich sie gleich unglaublich gerne. Ich werde total glücklich und empfinde die Gefühle, die das Lied ausdrückt, und zwar total intensiv. Ich kann Liebe fühlen und große Traurigkeit oder Sehnsucht. Ich mag auch hauptsächlich Lieder mit guten Texten und einer Aussage.

Und ich wusste wiederum sehr bald, dass dieses Gefühl stärker zu sein scheint als das, was andere Menschen dabei empfinden.

Es fing an mit einigen deutschen Schlagern aus der Hitparade, der Titelmelodie der Fernsehserie „Ein Mann in den Bergen“ und als ich das erste Mal ein Lied von ABBA hörte. Wir waren zu Besuch bei meiner Tante. Es war Sommer und ich saß im vor der Tür geparkten Auto meines Vaters auf dem Fahrersitz (wahrscheinlich wusch er es gerade). Im Autoradio lief „Super Trouper“ und ich habe es geliebt. Jedes Mal, wenn ich etwas von ABBA höre, muss ich wieder an diese Szene denken. 

Richtig für Musik interessierte ich mich erst ab etwa 11 Jahren. Ich hatte in der 4. Klasse bei einem Preisausschreiben eine LP mit aktuellen Rocksongs gewonnen, die mich damals überhaupt nicht interessierte. Diese habe ich wirklich erst 9 Jahre später gehört. Aber die aktuellen Charts fingen ab der 5. Klasse an, mich zu interessieren. Ich saß also, wie damals üblich, vor den einschlägigen Sendungen im Radio und nahm alles auf Kassette auf, was mir gefiel. Anfangs noch mit Mikrofon, später hatte ich einen Radio-Kassettenrecorder, bei dem Außengeräusche nicht mehr störten. Ich hatte noch keine Musikanlage und damals auch kein Geld, mir alles zu kaufen. 

Das Paradoxe (und wahrscheinlich autistische) daran ist, dass ich die Musik aufnehme, um sie zu besitzen, weil ich sie so toll finde. Aber dass ich sie niemals höre, obwohl es mich wahnsinnig glücklich machen würde. 

Ich habe wohl kein Talent dafür, mir Gutes zu tun. Ich hatte damals auch einen Walkman, den ich nie benutzte. Ich hatte schon am Anfang des möglichen Hörens Angst davor, dass ja dann die Batterie leer würde. Ich habe noch alle Musik-Kassetten von damals aufgehoben, die ältesten immerhin 35 Jahre alt. Und wenn ich noch einen Kassettenrecorder hätte, ließen sie sich sicher noch abspielen, abgenutzt sind sie ja nicht. Irgendwann hatte ich LPs, dann CDs, die ich auch selten hörte. Jetzt haben wir unsere ganze Musik digitalisiert und alles was ich liebe, trage ich immer auf meinem Smartphone bei mir. 

Am liebsten höre ich Radio und wenn eines meiner allerliebsten Lieder kommt freue ich mich halbtot, dass ich das hören kann. Dabei hätte ich es auch vorher schon abspielen können. Ich glaube, ich kann und will mich einfach nicht entscheiden. Es macht mehr Spaß, wenn mir die Entscheidung abgenommen wird. Vielleicht geht es auch um das Überraschungsmoment.

Musik könnte mich so glücklich machen, oft macht sie mich auch traurig und verzweifelt. Sicher vermeide ich sie deshalb, sie wirkt einfach viel zu stark auf mich und ist unberechenbar. 

Leider dümpel ich lieber in meinem Gefühlsnichts herum, als so viel zu fühlen. Schade. 

Angst

Das Gefühl, an das ich mich in Bezug auf meine Kindheit am besten erinnere, ist Angst. Ich hatte oft Angst, ich weiß gar nicht, ob ich andere Gefühle gespürt habe oder sie überhaupt da waren.  Die Angst aber war immer da. Das war mir schon ab einem Alter von 3/4 Jahren sehr bewusst. 

Die Welt wirkte bedrohlich auf mich, zumindest alles außerhalb unserer Wohnung. Da war das Treppenhaus unseres Mehrfamilienhauses, das so viele Ecken und Biegungen hatte. Hinter jedem Treppenabsatz konnte jemand erscheinen oder, schlimmer noch, plötzlich aus seiner Wohnung treten. Es war ein Glück, alleine bis zur Tür zu gelangen. Am schlimmsten aber war der Keller. Die Gänge waren eng und verwinkelt, hinter jeder Biegung konnte das Grauen lauern. Und das Betätigen des Lichtschalters, den Arm nur so weit wie eben nötig durch die Tür gestreckt, und währenddessen  immer fluchtbereit, war die erste Mutprobe dabei. Obwohl ich schon als kleines Kind wusste, dass dort nichts war und meine Angst völlig unbegründet, so bestand sie fort für mindestens noch 20 weitere Jahre. Ich hatte auch mehrere, sich bis ins Erwachsenenalter regelmäßig wiederholende  Alpträume.

Der häufigste war der „Kellertraum“. Ich lief durch die Gänge, immer in Erwartung des Entsetzlichen, das hinter der nächsten Ecke hervorkommen würde. Es ist natürlich nie etwas erschienen. Ein weiterer wiederkehrender Traum war die Flucht vor in der Stadt herumlaufenden Raubtieren. Ich musste mich verstecken, in ständiger Furcht, dass ein Löwe mich erwischt, wenn ich draußen unterwegs bin. Oder aber es bestand die Gefahr, dass die Tiere in das Gebäude gelangen, in dem ich hoffte, sicher zu sein. Das Merkwürdige an dem allen war, dass mir während des Traumes bewusst war, dass es nur ein Traum war, den ich in der Form schon oft vorher hatte. Ich hatte trotzdem fürchterliche Angst, das diesmal das Schlimme doch geschehen würde. Viele Male war es gutgegangen, aber jetzt war es bestimmt soweit. Ich entwickelte mit zunehmendem Alter die Fähigkeit, mich bewusst aus dem Traum zu holen, indem ich aufwachte. 

So ging es mir mit den meisten meiner Ängste. Ich habe sie schon als kleines Kind hinterfragt und habe gerätselt, warum das bei mir so ist. Denn dass Vieles bei mir anders war als bei den Anderen, das habe ich schon früh bemerkt. Die anderen Kinder bewegten sich mit einer Selbstverständlichkeit in dieser Welt, die mir rätselhaft war. Sie schienen keine Angst zu haben und hatten Spaß an vielen Dingen, die mir eher unangenehm waren. Sie schienen auch zu verstehen, wie die Welt funktionierte. Ich verstand so viele Dinge nicht und merkte genau, dass das bei den Anderen nicht so war. Also begann ich zu schauspielern, ich passte mich an, damit das niemand bemerkte. Dass ich anders war und offenbar irgendwie dumm. Aber das ist ein neues Thema…